Adolf Reichwein

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        Reichwein der Flieger

„Jedes Kind soll nach seinem eigenen Rhythmus wachsen können.“
Adolf Reichwein, (1937)

Reichwein BroschüreAuf Vorschlag des Volksbildungsvereins Friedberg erhielt die neu erbaute Volksschule den Namen "Adolf-Reichwein-Schule".
Die Namensgebung erfolgte offiziell am 12. Mai 1960; die Festrede hielt der damalige Kultusminister Schütte.

Zum Leben und Wirken Adolf Reichweins
Adolf Reichwein wurde am 03.Oktober 1898 in Bad Ems geboren. Der Vater zog 1904 mit seiner Familie nach Ober-Rosbach, wo er bis 1933 als Lehrer, nebenbei als Chorleiter und Organist tätig war.

Adolf Reichwein besuchte nach der Volksschule in Ober-Rosbach ab 1909 die Realschule in Friedberg und ab 1914 die Oberrealschule in Bad Nauheim. Als Kriegsfreiwilliger kehrte er schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zurück. 1918 erreichte er als Autodidakt das Abitur und studierte in Marburg und Frankfurt Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie.

Nach einer Weltreise, im Jahr 1926 zu der J. Koppmann schreibt „… seine fast einjährigen Reise … hatte nicht nur dazu beigetragen, Erkenntnisse über wirtschaftliche sowie soziale Verhältnisse zu gewinnen, sondern zugleich sein Selbstverständnis als „planetarischer Europäer oder europäischer Planetarier …“ gefestigt (J. Koppmann, 1998, S.38), arbeitete er von 1927 bis 1930 als persönlicher Referent des preußischen Kultusministers an der Verbesserung der Lehrerbildung, ehe er als Pädagogik-Professor an die Akademie in Halle berufen wurde.
Nachdem Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 in der Akademie die Hakenkreuzfahne hissten, weigerte er sich die Akademie wieder zu betreten. Er wurde amtsenthoben und trat am 01. Oktober 1933 auf eigenen Wunsch eine Stelle als Lehrer in der einklassigen Landschule in Tiefensee, mit damals 270 Einwohnern in der Mark Brandenburg, rund 40 Kilometer von Berlin entfernt, an.

Adolf Reichwein entwickelt das Model einer humanen und lebendigen Schule
Während seiner Tätigkeit als Lehrer, entwickelte Adolf Reichwein auf der Grundlage verschiedener reformpädagogischer Ansätze ein Konzept, das praktisches und soziales Lernen mit "Kopf, Herz und Hand" im Sinne Pestalozzis verwirklichte.
Es ist das Modell einer humanen und lebendigen Schule, die nicht "Schonraum für Unmündige" sein will, sondern ein spezifischer gesellschaftlicher Lebensraum. (nach: reichwein-forum Nr.2/2003)

Im Mai 1939, inzwischen wieder in Berlin, knüpfte er Verbindungen zu Freunden in den verschiedenen Widerstandsgruppen gegen Hitler und das NS-Regim. In der Nacht vom 04. zum 05. Juli 1944, also noch vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, wurde Adolf Reichwein von einem Spitzel verraten und verhaftet. Am 20. Oktober 1944 wurde ihm im Volksgerichtshof unter dem Vorsitz Freislers ein Schauprozess gemacht, der zum Todesurteil führte. Der Widerstandskämpfer und Antifaschist Adolf Reichwein wurde noch in der gleichen Nacht hingerichtet.

„Wir feiern 120 Jahre Adolf Reichwein“
Im Jahr 2018 feierte die Stadt Rosbach v.d.H. den 120ten Geburtstag Adolf Reichweins.
Ihm zu Ehren setzte die Stadt eine Reihe von Veranstaltungen um. Während eines feierlichen Empfangs wurden drei Schautafeln zu Adolf Reichwein enthüllt. Hier finden sich in vier Sprachen Informationen zum Lebensweg Adolf Reichweins. Dem folgen Zitate aus seinen Schriften, die die Haltung von Adolf Reichwein darlegen.

Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Rosbach dürfen wir die Tafeln auf unserer Homepage veröffentlichen (siehe oben).

In der Rede von Herrn Dr. Carsten Wenzel, dem Vorsitzenden des Heimatgeschichtsvereins 1984 Rosbach v. d. H. e. V., greift er eben diese Haltung auf und verbindet sie darüber hinaus mit aktuellen Fragen. Wir danken Herrn Dr. Carsten Wenzel für die Möglichkeit, einige Zeilen aus seiner Rede auf unserer Homepage veröffentlichen zu dürfen.

„Meine Damen und Herren, Tafeln wie die unseren dienen der Information des Betrachters, der Erinnerung an historische Ereignisse und Personen. Im Idealfall ist es mit ihrer Hilfe möglich, ein Bewusstsein für gesellschaftlich relevante Themen zu wecken und darüber hinaus Identität zu stiften. Das ist auch der Grundgedanke für die neu gestaltete Präsentation hier in der Halle.
Auf zweien der Tafeln haben wir daher den Lebensweg Adolf Reichweins aus dem – wie er es nennt „Dorf“ - Rosbach bis zu seiner Ermordung in Plötzensee am 20 Oktober 1944 nachgezeichnet. Nicht nur räumlich steht im Zentrum eine dritte Tafel, die Zitate von Adolf Reichwein enthält. Diese ist für mich persönlich die wichtigste. Die Texte, die Sie dort lesen können, sind in vielen Fällen von erstaunlicher, teilweise gar erschreckender Aktualität. Sie vermögen uns heute – mehr noch als Adolf Reichweins Lebensgeschichte – anzusprechen und zu berühren.

So steht als Motto über der Veranstaltung des heutigen Tages der Satz: „In der Entscheidung gibt es keine Umwege!“ Diese Verbindlichkeit, ja Radikalität, vermisst man heutzutage bisweilen in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion, vor allem wenn es um grundlegende, zukunftsweisende Fragen geht. Der Satz lässt keinen Spielraum für ein „aber“, das man heute zu häufig als Einschränkung im Kern klarer Aussagen mancher Zeitgenossen finden kann. Sätze wie „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“ oder „Ich bin sicher keine Nazi, aber…“ lassen sich mit dem Diktum Reichweins schon semantisch nicht in Einklang bringen.

Er selbst hat bis zur letzten Konsequenz nach diesem Leitsatz gelebt – und das offenbar trotz mancher Skrupel. Aus dem Juni 1944 ist von ihm die Aussage überliefert: „Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne.“

Es sind nicht zuletzt diese Kernsätze Adolf Reichweins und sein politisches Engagement in der Zeit des Nationalsozialismus, die für uns heute lebendiges Vermächtnis sind. Menschen wie er haben mit ihrem Lebenswerk nach zwölf Jahren NS-Diktatur die moralisch-ethische Grundlage für das neue demokratische Deutschland geschaffen, in dem wir heute die Gunst haben, zu leben. Wie viel ungefährlicher und leichter als für Reichwein und seine Mitstreiter ist es für uns heute, für diese Freiheit und unsere Ideale einzustehen, sie gegen Anfeindungen von welcher Seite auch immer zu verteidigen. Und dies ist heute leider wieder dringend geboten.
Wenn die Erinnerung an das Leben und Werk Adolf Reichweins und seine bis heute gültigen Botschaften dazu beitragen sollten, Menschen für ein gesellschaftliches Engagement zu motivieren, dann haben die Tafeln an dieser Stelle in der Tat einen höheren Zweck erfüllt.“